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(Autor unbekannt)

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Eine Schicksalsmatrix?

Dein Leben steht geschrieben in der geheimnisvollen Lontarbibliothek von Bali

Anders als im Westen sind in hinduistischen Kulturen wie Indien oder auf der indonesischen Insel Bali Wissenschaft und Religion keine ausgeprägten Gegensätze. Sie werden vielmehr als zwei verschiedene, einander ergänzende Wege auf der Suche nach Wahrheit und Erkenntnis angesehen. In der hinduistischen Wissenschaft hängt das Verständnis der äußeren Wirklichkeit untrennbar vom Verständnis des Göttlichen ab. Ganz besonders gilt das hier Gesagte für Systeme, die im Westen als „Pseudowissenschaft“ oder noch schärfer formuliert „Aberglauben“ abgetan werden. Dieser Verachtung durch die Schulwissenschaft sind neben zahlreichen alternativen Heilverfahren - als umstrittenstes Beispiel sei nur die Geistheilung erwähnt - auch die vielfältigen Möglichkeiten einer mehr oder minder exakten Deutung der individuellen oder kollektiven Zukunft anheim gefallen. Die Astrologie etwa ist im Abendland trotz zahlreicher zutreffender Vorhersagen immer noch eine vielfach bespöttelte Außenseiterdisziplin. In Indonesien und speziell auf Bali dagegen wird die Zukunftsdeutung nach wissenschaftlich anmutenden Kriterien betrieben. Ein Horoskop zeigt nach Auffassung der Jyotir-Astrologen bei entsprechender Berechnung mit exakter Genauigkeit die Verteilung der Wirklichkeitsbausteine an, aus denen sich das Leben eines jeden Menschen im einzelnen zusammensetzt. Das Horoskop läßt also sichtbar werden, welche dieser „Bausteine“ etwa in Form von Talenten, Neigungen und Veranlagungen mit in das Leben gebracht werden, und welche es noch durch entsprechende Erfahrungen noch zu erwerben gilt. Es zeigt sogar die Art und Weise des Handelns oder Geschehens an, das die noch ausstehenden Erfahrungen erst ermöglicht. In einem solchen Horoskop sind Ausgangspunkt und Finalität eines Lebens vereint. Das Horoskop, welches für den Zeitpunkt der Geburt eines Menschen erstellt wird, beinhaltet die „Lebensformel“ der betreffenden Person.

Jedoch bildet das Horoskop nicht die einzige Variante der Zukunftsschau in Bali. Es gibt noch eine andere Möglichkeit – den Besuch der Lontar- oder Schicksalsbibliothek. Die Urschriften der dort aufbewahrten Palmblätter wurden von einer Gruppe mythologischer Wesen, den Rishis*, verfaßt, die etwa 5000 v. Chr. gelebt haben sollen. Der Überlieferung zufolge nutzten die Rishis ihre außergewöhnlichen spirituellen Fähigkeiten dazu, aus der Akasha-Chronik, einem auch als „Weltgedächtnis“ bezeichneten, kosmischen Informationsfeld, die Lebensläufe von mehreren Millionen Menschen zu lesen, und sie schriftlich auf den getrockneten Blättern der Stech- oder Lontarpalme zu fixieren. Das gesamte Leben dieser Menschen, von der Geburt bis zum genauen Zeitpunkt ihres Todes, wurde auf den Palmblättern in Alt-Javanisch („Kawi“) - einer Sprache, die heutzutage nur noch wenige Eingeweihte beherrschen - in eng geschriebenen Zeichen eingeritzt. Ein solches Palmblatt überdauert im Normalfall etwa 800 Jahre. Wenn es alt und brüchig geworden ist, wird eine Abschrift des Textes auf einem neuen Palmblatt angefertigt. Es soll der Rishi Agasthya** gewesen, der diese Schicksalsbücher auf seinen Reisen schließlich auch nach Bali brachte. Ihm zu Ehren wurde ein Tempel errichtet, der Pura Luhur, welcher eine heilige Quelle bewacht. Einstmals war die Kunst des Lontarreadings auf Bali weit verbreitet. Heute gibt es hier nur noch eine einzige Schicksalsbibliothek. Nach meinen Recherchen handelt es sich bei den sagenumwobenen Rishis höchstwahrscheinlich um die Überlebenden der Priesterkaste des infolge einer kosmisch bedingten Naturkatastrophe versunkenen mythischen Kontinents „Mu“. Dieser Kontinent soll nach den Recherchen der Forscher James Churchward und Robert Niven die Urheimat und erste Hochkultur der menschlichen Rasse gewesen sein. Die beiden Wissenschaftler lokalisierten den „verlorenen Kontinent“ im Gebiet des heutigen Pazifik. Wenn die Rishis den Untergang ihrer Heimat überlebt hatten, dann bestand die Möglichkeit, dass der Rishi Agasthya auf seinem Weg auch Bali besuchte und dort Schüler in die Kunst des Lontarreadings einweihte.

Die Schicksalsbibliothek von Bali befindet sich in dem Ort Selat im Distrikt Gyanjar in Ostbali. Der Pedanda*** Ida Made Ngenjung liest nicht mehr von antiken Palmblättern. Er benutzt für seine Lesungen handgeschriebene Folianten, welche die jeweiligen Informationen enthalten. Das komplizierte Herstellen von Palmblattmanuskripten ist auf Bali inzwischen auch eine aussterbende Kunst, insbesondere seit der verhängnisvollen Eroberung der Insel durch die Holländer Ende des 19. Jahrhunderts. Den Massakern der Eroberer fielen vor allem die balinesischen Eliten zum Opfer. Mit ihnen starben auch große Teile des alten Wissens. Lediglich in dem von Bali Aga**** bewohnten Dorf Tenganan hat die Kunst der Anfertigung von Palmblattmanuskripten bis auf den heutigen Tag überdauert. Inzwischen beherrscht jedoch die Massenproduktion von Kalendern als Touristensouvenirs das Tagesgeschäft der einheimischen Handwerker. Aus diesen Gründen entschloss sich bereits der Großvater des heutigen Pedanda, die Abschriften der alten Manuskripte handschriftlich in robusten, ledergebundenen Folianten niederzulegen. Sein Enkel ist heute immer noch mit dem Abschreiben des Bestandes der Bibliothek befasst. Dies vermittelt eine bescheidene Vorstellung vom Umfang der Sammlung des Ida Pedanda Gd. Pt. Ngenjung. Für das Auffinden der Information genügen hier die Angabe von Namen und Geburtsdatum. Die Information wird danach dem Besucher vorgelesen. Pedanda Ngenjung trägt dabei den Text zunächst auf Balinesisch vor. Vorher muss er die Information aus dem Alt-Javanischen, das in seinem Ursprung dem Alt-Tamil Südindiens verwandt ist, in das heutige Balinesisch übersetzen. Mein Dolmetscher I Wayan Kasta schrieb die Übersetzung auf Balinesisch mit. Danach übertrug er den Text für mich mündlich ins Englische. Es ist dem Klienten freigestellt, die für ihn wichtigen Punkte selbst zu notieren oder das Lontarreading auf CD oder mittels Videokamera aufzuzeichnen. Die Lesung untergliedert sich in mehrere Punkte. Sie beginnt mit einer Einleitung, in welcher die astrologischen Daten des Klienten unter Verwendung des balinesischen „Wuku“-Kalenders***** bestimmt werden. Danach werden aus diesen Konstellationen dem Ratsuchenden bestimmte Symbole zugeordnet. Dies sind ein Gottessymbol, ein Persönlichkeitssymbol, ein Tiersymbol, welches die Spiritualität des Betreffenden darstellt, sowie ein Pflanzen- und ein Vogelsymbol. Aus diesen Symbolen kann der Lontarleser Rückschlüsse auf den Charakter und das Karma des Klienten ziehen. Darauf aufbauend, werden zunächst eine oder mehrere vergangene Inkarnationen besprochen, welche Auswirkungen auf das jetzige Leben haben. Dann berichtet Pedanda Gd. Pt. Ngenjung anhand des Textes von der Vergangenheit seines Klienten in diesem Leben. Die mitgeteilten Fakten können durch Rückfragen überprüft werden. Danach folgt die Schilderung charakterlicher Eigenschaften ebenso wie von Talenten und Fähigkeiten des Klienten. Daraus leiten sich entsprechende Aufgaben ab, welche für die Gestaltung der Zukunft des Ratsuchenden wichtig sind. Das künftige Leben des Klienten wird in Abschnitten von jeweils 6 Jahren bis hin zum genauen Todestag geschildert und erläutert. Dabei symbolisieren Zahlen den Einfluss, dem das Leben des Klienten in den betreffenden Zeiträumen unterliegt. Die Ziffern 0 und 1 stehen für Stillstand oder Kontinuität auf einem niedrigen Niveau, während die Ziffer 7 als höchste verwendete Zahl die Erfüllung der Lebensaufgabe ebenso wie Glück, Gesundheit und Wohlstand verheißt. Sie bedeutet die „Geschenke der Götter“. Dieser Abschnitt des Lontarreadings dient vor allem dazu, noch unbewußte, brachliegende Fähigkeiten, die bereits in früheren Leben erworben wurden, für die Aufgaben in dieser Inkarnation nutzbar zu machen. Ein weiteres Kapitel des Readings ist der gesundheitlichen Verfassung des Klienten sowohl in psychischer als auch in physischer Hinsicht gewidmet. Hier werden auch die Gegenmittel, etwa in Form bestimmter Meditationstechniken oder klassischer balinesischer Kräutermedizin zur Behebung bestehender oder künftig auftretender gesundheitlicher Probleme genannt. Danach wird noch einmal gesondert die Thematik Partnerschaft und Familie mit allen positiven und auch weniger günstigen Aspekten besprochen. Zum Abschluß des Readings erhält jeder Klient ganz persönliche Vorschläge für Opferzeremonien oder andere Handlungen, welche dazu bestimmt sind, bestehende Probleme aufzulösen, und künftig mögliche negative Einflüsse zu neutralisieren. Das Lontarreading von Selat ist recht umfangreich und dauert pro Person etwa eine Stunde.

Die Informationen des Lontarreadings werden von insgesamt 1.050 spezifischen Charakteristika hergeleitet. Diese Zahl ergibt sich aus den dem Wuku System zugrunde liegenden Wochenrechnungen. Die Balinesen kennen eine Dreitageswoche, eine Fünf- und eine Siebentageswoche. Das bedeutet, wenn ein Mensch an einem bestimmten Wochentag geboren ist, werden ihm die dazugehörigen Merkmale zugeordnet. Da aber jedes Individuum sein ganz eigenes Karma in dieses Leben mitbringt, ergeben sich entsprechende Unterschiede bei den Lesungen und somit ein personalisiertes, individuelles Reading. Dennoch können auch die Informationen über das Karma einer Person aus dem Kalender und den damit verbundenen Symbolen hergeleitet werden. Das balinesische Wuku System dient damit nicht primär der Messung der Zeit, wie unser westliches Kalendersystem. Es markiert im Gegensatz dazu bestimmte Tage. Damit wird der Zeit im Wuku System eine eigene Qualität zugesprochen. Dies ist vergleichbar mit dem Kalendersystem, welches die Maya für ihre prophetischen Berechnungen benutzten. Dabei wird im Wuku Kalender die jeweilige Qualität des Tages durch die Angabe der Kombinationen der einzelnen Tagesnamen der verschiedenen Wochen bestimmt. Jeder Tag steht also für bestimmte positive oder negative Ereignisse bzw. Eigenschaften. Das balinesische Lontarreading greift demzufolge mit mathematischer Präzision auf ein System von kalendarischen Konstanten und Variablen zu, dass wir mit Recht als eine Art Schicksalsmatrix bezeichnen können.

Diese Präzision eines Lontareadings vermag zu dem naheliegenden Schluß verleiten, die Zukunft sei weitgehend vorherbestimmt. Jedoch hat die Akasha-Chronik, welche in ihrer Eigenschaft als Weltgedächtnis den eigentlichen Grund für jegliche Zukunftsdeutung liefert, nicht ausschließlich deskriptiven Charakter. Sie gleicht vielmehr einer Art von virtuellem Speicher, der ständig Dinge und Ereignisse aufnimmt, die initialisiert oder verändert werden. Die Akasha-Chronik schreibt also den Ablauf der Ereignisse nicht unausweichlich vor. Es ist vielmehr möglich, mit ihr und den Voraussagen aktiv zu arbeiten. Die Zukunftsdeutungen sind ebenso wie die Akasha-Chronik selbst Hilfsmittel zur Klärung von Ursachen, die in der Vergangenheit liegen und sich in der Gegenwart auswirken oder sich erst noch möglicherweise in der Zukunft auswirken werden.

Die eigene Zukunft mittels des Lontarreadings zu kennen, bedeutet aber gleichzeitig auch, diese Zukunft beeinflussen zu können. Wenn es so etwas wie ein Geheimnis der Schicksalsbibliothek von Bali gibt, dann ist es dies - die Informationen aus den Lontar-Texten sind Beschreibungen unseres Lebens. Leben müssen wir unser Leben aber selbst jeden Tag aufs Neue. So schreiben wir schließlich das Buch unseres Schicksals.

Ubud / Bali / Indonesien & Dresden, Mai 2013

Thomas Ritter

Begriffserklärungen

*Rishis:

Dies bedeutet wörtlich „Rasende“ oder besser "Seher". Die Rishis waren die Heiligen des vedischen Zeitalters in Indien. Das Sternbild "Großer Wagen" steht mit seinen Sternen für die Sieben Rishis.

**Rishi Agasthya:

Er war der Schriftgelehrte unter den Sieben Rishis, und soll Einfluß sowohl auf die Entwicklung der alt-tamilischen als auch der alt-javanischen Sprache gehabt haben. In Bali gilt er als Kulturbringer, der die Lontar-Bücher der Zukunftsdeutung auf die Insel brachte.

*** Pedanda:

So werden auf Bali die Angehörigen der Priesterkaste genannt, denen allein das Lesen der alten, heiligen Texte vorbehalten ist. Lesungen poetischer Texte, die auf den alten indischen Epen Mahabharatha und Ramayana basieren, sind unverzichtbarer Bestandteil von Tempelfesten und Totenritualen. Dabei wird bis heute zu diesen Anlässen ausschließlich von Palmblattmanuskripten gelesen. Eine Lesung der heiligen Texte von Manuskripten aus Papier gilt als schweres Sakrileg.

**** Bali Aga:

Wörtlich für „die alten Balinesen“. Damit ist eine Volksgruppe gemeint, die sich der Einführung des Hinduismus und insbesondere des Kastensystems hinduistischer Prägung im 12. und 13. Jahrhundert widersetzten. Sie pflegen bis heute ihre eigenen Rituale und Gebräuche, die sich von denen der übrigen Balinesen unterscheiden. Die Bali Aga sind in verschiedenen Regionen der Insel beheimatet, so im Dorf Trunyan am Batur-See und in Tenganan. Tenganan gilt als reichster und mächtigster Ort der Bali Aga. Seine Einwohner sind als geschäftstüchtige Kaufleute bekannt.

*****Wuku Kalender

Traditioneller balinesischer Kalender, der sich am Mondjahr orientiert.

Verwendete Literatur

Drewes, Oliver, The Indian Secret - Das Geheimnis der Schicksals- und Palmblattbibliotheken, Holistika Verlag, Meckenheim, 2013

Pink, Peter Wilhelm, Wariga – Beiträge zur balinesischen Divinationsliteratur, Dietrich Reimer Verlag, Berlin Hamburg, 1993

Risi, Armin: Gott und die Götter, Govinda-Verlag, Zürich, 1996

Ritter, Thomas: Die Palmblattbibliotheken und ihre Prophezeiungen zur Zukunft Europas, Kopp Verlag, Rottenburg, 2006

Rump, Peter, Urban, Gunda: Bali und Lombok, Reisefuehrer, Bielefeld, 2001

Waterstone, Richard: Living Wisdom India, Duncan Baird Publishers, London, 1995

Fotos: Thomas Ritter


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